Wäsche

Einzelausstellung an zwei Orten

in der Galerie der DG

und in der Kirche St. Paul München

9.9.  –  11.11. 2017

Im Rahmen der OPEN art eröffnet die Galerie der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst e.V. (DG), in Kooperation mit der Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising, die Ausstellung ‚Wäsche’ des Münchner Künstlerduos EMPFANGSHALLE. Partizipation von Dritten ist ein wesentlicher Bestandteil des künstlerischen Schaffens von Corbinian Böhm und Michael Gruber, die seit 2000 unter dem Namen EMPFANGSHALLE zusammenarbeiten. Neben klassischen Skulpturen entstehen somit auch performative und ephemere Arbeiten, deren Verlauf das Unvorhersehbare durch die Interaktion der Menschen widerspiegeln. In der Galerie der DG sind neue Arbeiten der Künstler zu sehen, darunter eine Rauminstallation, Fotografien und eine Auswahl an Videoarbeiten.

Ausgangspunkt der Ausstellung ‚Wäsche’ ist die Intention, zwei Orte im Zentrum Münchens, die nicht unterschiedlicher sein könnten, mit ihren gesellschaftlichen Realitäten zu verknüpfen: Die Kirche St. Paul und die Galerie der DG. EMPFANGSHALLE schafft dafür ein Bild. Gesammelt werden Kleider rund um St. Paul: Liturgische Gewänder, Altkleider der Gemeinde sowie Fundstücke obdachloser Wanderarbeiter, die unter anderem auf den Stufen des Kirchenportals schlafen. Diese Kleidungsstücke werden zusammen in einer in der Galerie aufgestellten Industriewaschmaschine gereinigt und als Rauminstallation zum Trocknen auf eine Wäscheleine gehängt. So entsteht ein buntes Wäschebild der Gesellschaft des Bahnhofsviertels in einer der teuersten Lagen Münchens, am Odeonsplatz.

Der Kirchenraum in St. Paul wird mit den Waschvorgängen in der Galerie verbunden. Dazu projiziert EMPFANGSHALLE das Bild einer Waschmaschinentrommel auf das große gotische Rosetten-Fenster über dem westlichen Eingangsportal der Kirche. Besucher des Kirchenraums haben zudem die Möglichkeit, an einer großen gemeinsamen Waschstation Teil einer Videoarbeit zu werden, die als Projektion in der Galerie der DG zu sehen ist. Besonders im Kontext des sakralen Raums klingen hier vielfältige Assoziationen an: Reinigung, Umkehr, Versöhnung.

Das Waschen aller Kleidungsstücke in einer Maschine erscheint wie die Umsetzung des Bibelzitates Levitikus 19,18 in Anlehnung an die Übersetzung von Buber/Rosenzweig „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.“ Alle Menschen sind miteinander verbunden in ihrer Kreatürlichkeit, ihren Hoffnungen, Wünschen, Nöten, Abgründen und eben in der Notwendigkeit, sich regelmäßig zu waschen und zu kleiden. Dieses kollektive Menschsein und das Teilen eines gemeinsamen Schicksals unterstreicht EMPFANGSHALLE in der Fotoserie ‚Betende Hände’, die in der Galerie der DG ausgestellt ist. Auf den Fotos stellen gefaltete beziehungsweise ineinander verschränkte Hände von jeweils zwei unterschiedlichen Personen das etwas überstrapazierte Motiv ‚Betende Hände’ von Dürer bewusst nach.

Die Arbeiten strahlen durch die dargestellte Gestik, ihre Textur und Farbgebung eine versöhnliche Innigkeit, Sinnlichkeit und Harmonie aus, die auf den Betrachter tröstend und ausgleichend wirken und Hoffnung auf Verständigung wecken.

In der öffentlichen Diskussion hingegen werden vielfach die Unterschiede zwischen den Menschen betont, nicht aber das sie Verbindende. In der Galerie der DG diskutiert EMPFANGSHALLE diese scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen den verschiedenen Lebenswelten in ihrer Zweikanal Videoinstallation ‚Gläubiger & Schuldner’ (2016). In dem Video begeben sich die Künstler an einen Ort, an dem sich Reichtum und Elend buchstäblich gegenüberstehen. Unweit des Münchner Hauptbahnhofs liegt die Abtei Sankt Bonifaz, ein zentraler Anlaufpunkt für Obdachlose. Auf der anderen Seite befinden sich die Lenbach Gärten, ein hochexklusives Gebäudeensemble. Dazwischen navigieren die Künstler in einer Endlosschleife, jeweils aus der entgegengesetzten Richtung kommend.

 

 

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Bitte wenden Sie sich bei Fragen an

Dr. Hanne Borchmeyer, Kommunikation,

Tel. +49 (0)89 282548, hborchmeyer@dg-galerie.de

Gläubiger und Schuldner

Zweikanal Videoinstallation, 2016

In ihrer Videoinstallation „Gläubiger & Schuldner“ begeben sich Empfangshalle an einen Ort, wo sich Reichtum und Elend buchstäblich gegenüberstehen. Unweit des Münchner Hauptbahnhofs und in unmittelbarer Nähe zum Atelier der beiden Künstler liegt die Abtei Sankt Bonifaz, die seit vielen Jahren mit ihrer Suppenküche, der Kleiderkammer, den Duschen und einer Arztpraxis ein zentraler Anlaufpunkt für Obdachlose ist. Auf der anderen Seite der Karlstraße befinden sich die Lenbach Gärten, ein relativ neues und hochexklusives Gebäudeensemble, das ein 5-Sterne-Hotel, Büro- und Wohnhäuser mit Butlerservice und Portier beherbergt.

Und dazwischen zwei Männer dunkel gekleidet, die in einer Endlosschleife diese Karlstraße überqueren wie eine Schwelle. Während der Weg des einen von der Weihwasserschale der Abteikirche zum Brunnen auf der Piazzetta führt, geht der Weg des anderen in die entgegengesetzte Richtung, vom Arkadien des von einem Sicherheitsdienst überwachten, mediterran anmutenden Platzes zum Portal der Kirche, wo nachts unter den Arkaden des Säulendachs die Obdachlosen campieren. Kurz kreuzt sich der Weg der beiden Künstler, doch eine Interaktion findet nicht statt. Ihre Augen bleiben auf den jeweiligen Zielpunkt ihres Weges gerichtet: den Brunnen und das Weihwasserbecken. Dort vollziehen sie dann ein Reinigungsritual – die Handwaschung als Reinigung des Körpers, die in allen Kulturen praktiziert wird, und das Kreuzzeichen mit Weihwasser, das an die christliche Taufe erinnert als symbolische Reinwaschung von der (Erb)Sünde.

Freilich entpuppt sich das Ziel nur als Zwischenstation, denn es scheint als wären die beiden Männer in keiner dieser Sphären gänzlich aufgehoben. Das Andere scheint jeweils anziehender. Und so führt der Weg weder ins Innere der Kirche, noch in die Privaträume der Luxusbauten. Empfangshalle machen kehrt, immer und immer wieder, nur um erneut das Reinigungsritual zu vollziehen, als gelte es, an einem Ort die Spuren des jeweils anderen Ortes zu tilgen.

Die Paradoxie vom Nebeneinander von reich und arm, von Materialismus und Spiritualität wird in ein Bild gebannt: das Ritual, das selbst eine Schwelle markiert – die Hygiene als Trennung zwischen Öffentlichem und Privatem, und die Wiederholung der Taufe an der Schwelle zwischen Profanem und Sakralem –, löst sich auf und wird zum Selbstläufer.

Gruppenausstellung „7 Totsünden“ in der VerpackereiGö.

21 zeitgenössische Künstler setzten sich mit dem Thema „Die 7 Todsünden“ auseinander.

7 Kontinente

Kunstprojekt für die Gesamtschule in München an der Gerastrasse

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Hundert Hemden

Eine Kunstaktion zu Joseph Beuys 

im Rahmen des DOK.fest in der Pinakothek der Moderne, 2017 

Joseph Beuys – ein Mensch, ein Künstler, ein Mythos, verlacht, verklärt… Im Zusammenhang mit dem filmischen Porträt von Andres Veiel lädt das Künstlerduo EMPFANGSHALLE auf der Treppe der Pinakothek der Moderne dazu ein, aktiv am Begriff der sozialen Skulptur zu arbeiten. Jedoch geht es nicht um den historischen Beuys. Vielmehr wird ein zeitgenössisches Bild gemacht, mit dem sich jede(r) individuell in ein Verhältnis zum Künstler stellen kann.
Eine Kooperation des DOK.fest mit der Kunstvermittlung der Pinakothek der Moderne.

Gefördert durch American Vintage und Curiger Travel AG

Goldrausch

Pasinger Marienplatz
Kunst im öffentlichen Raum, im Rahmen des Kunstfestivals „Pasing by“, 2015

Zwölf große Sandmuscheln umgeben die Mariensäule auf dem Pasinger Marienplatz und bilden durch ihre goldene Farbe und kreisförmigen Anordnung eine Einheit. Gefüllt sind die übergroßen Muschelbecken mit einem Spezialsand, wie ihn Metallgießereien für Sandgussverfahren einsetzen. Im Rahmen einer mehrtägigen Kunstaktion waren alle Pasinger eingeladen, gemeinsam mit dem Künstlerduo Empfangshalle (Corbinian Böhm und Michael Gruber) Ideen für Abgüsse zu entwickeln. Ebenso konnten eigene kleine Objekte mitgebracht werden, um diese in Zinn zu gießen oder frei in den Sand zu modellieren. Die Figuren wurden anschließend vergoldet. Die so entstandenen Skulpturen erweiterten den goldenen Mittelpunkt von Pasing in Geschäfte oder Wohnungen hinein, sodass sich der öffentliche mit dem halböffentlichen und privaten Raum verband.

St. Peter

Lengdorf  2014
Liturgische Ausstattung
Altar und Ambo

fuck you zug

mit Funda Gül Özcan, 2014
Video 7 min, Installation 200 x 150 cm

Diese Arbeit ist eine Gemeinschaftsproduktion von Empfangshalle, Funda und vielen Künstlern der Ateliergemeinschaft KvB. Ein zentrales Thema ist das Gebäude an der Katharina­-von-­Bora­ Straße in München, in dem die Ateliergemeinschaft arbeitet: das ehemalige Heizkraftwerk für die Führer­bunker am Königsplatz. Es entstand eine zweiteilige Installation aus einem Video und einer auto­nomen Skulptur, einem leftover. die Bildsprache bedient sich eigens entwickelter Symboliken, die mit den Recherchen zum Thema entstanden sind. Mit einer sprechenden Skulptur am Schlussstein des Eingangsbogens zum Gelände, ein Jünglingskopf aus der Ns­Zeit, beginnt das Video. Zu dem Manifest über die Kunst versammeln sich spontan Passanten unter dem Rufer. Zum Ende seiner Rede spuckt der Jüngling Feuer auf die Straße und initiiert damit einen Fackel­zug. Mit Fackeln in Form von Fickerfingern.
Der Zug windet sich in die Tiefen des Heizschlotes des Gebäudes. Zwischen den Szenen tritt das „Opferauto“ auf, ein mit Fernsehern besetzter Kleinwagen. Über die Bildschirme flimmert „Just do it“ als Anspielung auf übernommene Werbesätze der rechten Szene. Am Ende des Zuges wird eine Fackel in den Nachthimmel geworfen und kehrt verändert, in Form von zwei weißen Marmorwürfeln zurück.
In der Installation ist das „leftover“, das zerstörte Dach des Opferautos mit den Marmorwürfeln gegenüber der Leinwand, wie in einem Autokino positioniert.
Diese große Produktion konnte nur mit der tatkräftigen Zusammenarbeit des Kollektives und des Netzwerkes entstehen. So konnten z.B. Highspeedaufnahmen mit einer Red­Kamera verwirk­licht werden.

Hinterm Horizont

Kunstprojekt für die Justizvollzugsanstalt Heidering, Berlin
Kunst am Bau Projekt für den Senat Berlin, Fertigstellung 2013 / Eröffnung 2014

Eine Skulptur im Außenraum und eine Installation im Innenraum sind bildhafte, integrale Teile eines Konzepts, das übergreifend die gesellschaftliche Verortung der Menschen in der JVA Heidering mit einbezieht. Wesentlicher Teil der Außenskulptur ist eine Windkraftanlage. Sie ist Sockel einer plastischen Figur, Ausgangspunkt fotografischer Zeitabläufe der Installation im Inneren des Gebäudes und schließlich – als kommerzieller Stromerzeuger – Finanzgrundlage für ein soziokulturelles Programm in der JVA.

1. Außenskulptur
Auf dem Gelände der JVA wird eine Vertikal-Windkraftanlage errichtet. Die Windkraftanlage ist ca. 30 m hoch und in hellem Grau gehalten. An der Spitze der Anlage befindet sich die etwas überlebensgroße Figur eines Mannes, der mit seiner rechten Hand die Augen zum Ausschau halten beschirmt und dessen Blick offensichtlich in die Ferne schweift. Ab einer bestimmten Windstärke läuft der Rotor, der auf einer vertikal angeordneten Achse sitzt, an, und die darüber befindliche Figur dreht sich mit ihm im Kreis.

2. Installation im Innenraum
Über das Gebäude verteilt hängen an ausgewählten Stellen insgesamt sieben unten offene Zylinder aus Sicherheitsglas. Auf den Innenseiten der Zylinder befinden sich 360° – Fotopanoramen. Die Panoramabilder zeigen die Landschaft rund um die JVA und sind im Laufe eines Jahres mittels einer Spezialkamera von der rotierenden Spitze der Windkraftanlage aus aufgenommen worden. Die Fotografien, die sich zu den Panoramen zusammensetzen, sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden. Die jeweilige Lichtstimmung, das Wetter, verschiedene Tages- und Jahreszeiten lassen dieselbe Landschaft in immer neuen Variationen erscheinen. Da sich der Rotor während der Aufnahmen ggf. bewegt, werden die Aufnahmen je nach Drehgeschwindigkeit leicht unscharf oder verwischt bis hin zur völligen Auflösung. Bei Windstille entstehen dagegen gestochen scharfe Fotos. Es werden also ganz unterschiedliche, individuelle Panoramen derselben Landschaft auf den Innenseiten der sieben Zylinder angebracht. Für einen Rundblick um das ganze Panorama muss der Betrachter sich um die eigene Achse drehen. So entsteht eine Analogie zu der Ausschau haltenden Figur an der Spitze der Windkraftanlage.

3.Soziokulturelles Programm
Für Windkraftanlagen gilt die Brandenburger Heide gilt als guter Standort; es ist mit einem guten Ertrag der Windkraft-anlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz zu rechnen. Mit dem erzielten Gewinn aus der Windenergie werden kulturelle Angebote für die Insassen ermöglicht (z.B. Bandauftritte, Künstler-Workshops, Lesungen, Zeichenkurse usw.)

Move me

München, 2000
Video Installation, 30sec

Woher Kollege Wohin Kollege

Kunstprojekt im öffentlichen Raum, 2003
Quivid und Abfallwirtschaftsamt München

„Heimat“ kann man nicht einfach anfassen oder abbilden. „Heimat“ ist ein Gefühl, das sich zusammensetzt aus unterschiedlichsten Stimmungen, Erinnerungen an Erlebtes und Hoffnungen auf ein glückliches Leben. Erst wenn dieses Gefühl mit einem Ausschnitt der realen Welt zur Deckung gebracht ist, kann ein Bild – ein „Heimatbild“ – entstehen.Damit diese Bilder entstehen konnten, baute Empfangshalle ein Müllauto zu einem Wohnmobil um. Mit diesem Wagen sollten die Männer sich auf den Weg machen – einer nach dem anderen – ihr ganz persönliches Heimatgefühl zu photographieren. Ein einziges Photo, auf dem immer auch das Müllauto zu sehen sein musste, sollte alles sagen, ihre Geschichte erzählen, alle Fragen beantworten. Zurück in München wurde das Heimatbild dann auf dem Müllauto angebracht, mit dem der Kollege täglich arbeitet. So schwärmt nun morgens eine mobile Ausstellung in die Stadt aus,bei der die Müllmänner den Münchnern ihr Heimatbild zeigen und erklären. Kommunikation und Interaktionen auf der Strasse sind die Träger des Kunstwerkers im öffentlichen Raum.

WOHER KOLLEGE WOHIN KOLLEGE – EIN GEFÜHL VON HEIMAT
Gleichnamiger Dokumentarfilm zum Kunstprojekt, 2004
Ein Film von Thomas Adebahr und Andrea Zimmermann mit Empfangshalle

Mit der Kamera wurden drei Müllmänner auf ihren Reisen in die Heimat begleitet, nach München-Neuperlach, nach Accay in der Türkei und in ein kleines Dorf in Ghana. Dabei entstand ein 80 minütiger Dokumentarfilm der für den Civis-Preis 2004 nominiert wurde.

The Benjamin Project

mit Thomas Adebahr
Diet Gallery, Miami, 2009, He Xiangning Art Museum, Shenzhen, China, 2010

Walter Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“wurde in China in Öl gemalt.Rund fünf Millionen Ölbilder – meist Kopien von Meisterwerken – werden jährlich in Dafen, einem Stadtteil der Zehnmillionenstadt Shenzhen nördlich von Hong Kong gefertigt. In den Ateliers arbeiten schätzungsweise 8000 bis 10.000 Maler. Die genaue Zahl kennt niemand, und jedes Jahr kommen etwa hundert Neulinge dazu. Die schnellsten Akkordarbeiter malen bis zu 30 Bilder pro Tag. Geschätzte 60 Prozent der weltweit gemalten Gebrauchskunst stammen aus der vier Quadratkilometer großen Siedlung. Exportiert wird hauptsächlich in die USA und nach Europa.In Dafen, der Welthauptstadt der kopierten Kunstwerke schaffen wir ein Original, indem wir Benjamins berühmten Aufsatz malen lassen.Jeweils eine Doppelseite des Buches wird zu einem Ölbild. Jeder einzelne Buchstabe, die feine Struktur des Papiers, das Durchschimmern der Zeilen auf der Rückseite, der Falz und andere feinste Details werden von den Malern festgehalten. Es entsteht eine Serie von 38 Ölgemälden, entsprechend der als Motiv ausgewählten, 76-seitigen, jüngsten Ausgabe des Suhrkampverlages. Normalerweise fertigen die Maler in Dafen Kopien von einem Original. Auftraggeber aus aller Welt lassen berühmte Bilder von Hand kopieren, um etwas zu besitzen, das zumindest teilweise Qualitäten des Originals hat. Die Kopien profitieren von der Aura des Originals. Das Original wiederum gewinnt durch die Verbreitung als Kopie an Wichtigkeit. Wir drehen den Vorgang um: In unserem Fall ist die Vorlage für das Ölbild das tausendfach identische, technisch reproduzierte Schriftbild des Buches. Das Original entsteht erst nach den Kopien durch das „Kopieren“ der Doppelseiten eines Exemplars der vielen gleichen Bücher.

Gelsenlos

Gelsenkirchen, 2002
Im Rahmen der Ausstellungskonzeptes OVERTURES von ARTCIRCOLO

Künstlerische Arbeiten im öffentlichen Raum sind mit Unwägbarkeiten und Unsicherheiten behaftet; ein Tatbestand, der sich zumeist auf die Planungs- und Genehmigungsphase bezieht. Bei den Arbeiten von Empfangshalle ist diese Unwägbarkeit – oder positiv gesprochen: Offenheit – jedoch konstitutiver Bestandteil der eigentlichen Werk-, Ausführungs- oder Aufführungsphase.Markantes Beispiel hierfür ist das für Gelsenkirchen-Buer vorgeschlagene Skulptur-Projekt „Gelsenlos“. Ein Los, selbst ein ‚Gelsenlos‘, spielt per se mit Hoffnung und Zufall. Somit ist der Zeitrahmen der Arbeit von Empfangshalle also mit vielen Hoffnungen verbunden, einzig sicher ist aber zunächst nur, dass es einen ‚Arbeitslosen‘ weniger in der Stadt geben wird, der – von Empfangshalle engagiert – jene ‚Gelsenlose‘ verkauft.

Erst ein Losgewinn wird das vermeintlich eigentliche Kunstwerk initiieren: Er löst mehrere riesige Wasserfontänen aus, die auf der St. Urbanus-Kirche die im Krieg zerstörte Turmspitze für einige Momente nachzeichnen – und damit der Kirche seine Kirchturmspitze wie der Stadt Buer ihr Wahrzeichen Empfangshalle nutzt das Wasser als Baustoff, das im Kontext der Kirche auf uralte Rituale wie Taufe und Reinigung, und damit dessen kulturellen Stellenwert in unserer Gesellschaft verweist.Mit der Involvierung jedoch eines arbeitslosen Straßenverkäufers der Obdachlosenzeitschrift fifty-fifty in das künstlerische Projekt, das somit bereits lange vor und nahezu unabhängig von dem jeweils spektakulären Wasserereignis stattfindet, wird auf eine, auch das Wasser betreffende gesellschaftliche Struktur verwiesen, die sich mehr und mehr der Machbarkeit und unseren Wunschvorstellungen entzieht – wie zugleich über eigene Potenziale verfügt. Denn der arbeitslose Straßenv der in einer von den Künstlern gebauten Verkaufsbude nahe der Kirche neben den ‚Gelsenlosen‘ auch seine Zeitschrift anbot, eröffnete dem Projekt nochmals eine ganz anders motivierte Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit.Der Griff zum Wasserhahn jedoch, der unmittelbar das Wasser sprudeln lässt, ist nur solange mit unumstößlichem Optimismus verbunden, wie man eine Reihe entscheidender Voraussetzungen (und deren Anfälligkeit) ausblendet. Ja, vielleicht ist heute tatsächlich schon von Glück zu sprechen, ungeachtet aller administrativen und technologischen Bemühungen, wenn das Wasser ‚auf Knopfdruck‘ sprudelt.

Christopher Kramatschek

As if we were alone

– neue Räume in der Öffentlichkeit, Barcelona, Berlin, Hongkong, Shen Zhen
Video-Installation, 6 min, 2006

„as if we were alone“ wurde auf der 52. Biennale Venedig 2007 gezeigt.

Die kreative Auseinandersetzung mit neuen Kommunikationstechnologien und ihren Auswirkungen auf unser Leben, auf unsere Kultur und auf unser Verhalten in alltäglichen Situationen war für das Künstlerduo „Empfangshalle“ die Grundlage für die Entwicklung der Vision eines gesellschaftsübergreifenden Projektes in Form von Film und Installation.Corbinian Böhm und Michael Gruber verstehen ihre Kunst als Kommunikation und interaktiven Prozess mit der Gesellschaft. Als solches recherchierte „Empfangshalle“ in internationalen Metropolen wie Barcelona, Hongkong, Guangzhou und Berlin das Verhalten von Handybenutzern und visualisierte durch gezielte Inszenierungen und skulpturale Eingriffe in der Öffentlichkeit neue Räume und Gesten, die beim mobilen Telefonieren entstehen. Beispiele dafür, wie wir uns mobile „Privatsphären“ schaffen, um ungestört zu kommunizieren, gibt es viele: Den in sich versunkenen Telefonierer, der mit starrem Blick auf den Boden einer unsichtbaren Linie folgend seine Runden zieht, den mit vorgehaltener Hand im Bus sitzenden, der eindringlich seine Beziehungsprobleme diskutiert oder den aus dem Funkloch fliehenden eiligen Businesstalker…Ausgehend von der Erkenntnis „Wer mobil telefoniert, grenzt sich von seiner Umgebung durch reale oder virtuelle Räume ab“, formulieren und konstruieren die Künstler für ihren zukunftsorientierten Kurzfilm erste Prototypen „mobiler Telefonierräume“, die im Rahmen eines weltweiten Telefonierservices angeboten werden. Das Ergebnis ist eine „documentary fiction“, die den Zuschauer in einen Grenzbereich zwischen Gewissheit und Illusion führt, in einen Raum, wo sich Fakt und Fiktion mischen.

Das Projekt entstand auf Initiative und in Zusammenarbeit mit Artcircolo und der Vodafone Group Research & Development Germany.

Wanderarbeiter

Shenzhen, China, 2008
Video

Shenzhen ist eine wachsende wirtschafliche Metropole in China. Aus dem ganzen Lande strömen Arbeiter herbei. Oft bleiben die Familien in der Heimat. So reisen die Arbeiter hin und her zwischen ihren beiden Lebenspolen.Sie sind vergleichbar mit der Brandung, die unaufhörlich ans Ufer rollt, ein beständiges Hin und Her.
Mit neu gekauften Schuhen ausgestattet treffen sich die Arbeiter zu einem Tanz mit den Wellen. Das Meer gibt den Takt und die Emphase des Tanzes vor, indem die Arbeiter der Wasserlinie so dicht wie möglich folgen.

Aufseher Brunnen

Augsburg 2004
Städtische Galerie im Höhmannhaus

Vor der Galerie installierte Empfangshalle einen neuen, vierten Brunnen in der Reihe der berühmten Renaissance – Brunnen der Maximilianstrasse.
Die vier Aufseher der Galerie fanden sich Rücken an Rücken zu dem temporären Brunnen zusammen.
Jeder nahm einen Schluck aus einer Mineralwasserflasche und spuckte das Wasser in hohem Bogen wieder aus. Dabei stellte jeder der Aufseher seine eigene Allegorie vor. Das entsprechende, persönliche Attribut in der Hand, stand eine der Figuren für die Treue (Hund) oder eine andere für das Wissen (Kreuzworträtsel), eine Figur stand für das Handwerk (Pinsel, Malerschablone), eine weitere für die Künste (Bronzeskulptur). Dieser Brunnen wurde in Fotos dokumentiert und in der Ausstellung gezeigt.

3 Sekunden

Auf den Rampen bei der Hackerbrücke München, 1999
3-Sekunden-Skulpturen für die vorbeifahrenden S-Bahn Passanten

Eine S-Bahn-Fahrt vom Hauptbahnhof Richtung Pasing. Der Zug beschleunigt hinter der Hackerbrücke. Rechts am Fenster flache Hallen. Zwei Männer davor auf einer Rampe. Sie rennen aufeinander zu, doch anstatt zusammenzuprallen, kreuzen sie sich im vollen Sprint, ohne einander zu beachten.Die S-Bahn bringt das Publikum für die Skulpturen DREI-SEKUNDEN von Michael Gruber und Corbinian Böhm, die seit einem Jahr auf der Rampe vor ihrem Atelier solche Szenen aufführen.Die Idee ergab sich zwangsläufig: auch ohne diese Auftritte hatten die Bildhauer, die sich als Duo EMPFANGSHALLE nennen, ein Publikum durch die beiläufig aus dem Zugfenster schauenden Fahrgäste, denn die S-Bahn fährt direkt am Atelier vorbei. Was lag näher, als dieses Potential zu nutzen?Wie die klassische Skulptur im öffentlichen Raum ist die szenisch inszenierte, von Böhm und Gruber gespielte DREI-SEKUNDEN einem zufälligen Publikum ausgesetzt.Dieses kann allerdings nicht verweilen; es wird vorbeigefahren, und so operieren die Szenen mit dieser Flüchtigkeit und dauern jene ca. drei Sekunden, in denen die Sentenzen vom Zugfenster aus zu sehen sind.Warum aber sind sie Skulpturen?Die Arbeit mit dem Augenblick erfordert eine Konzentration auf den Kulminationspunkt einer Handlung.Was von EMPFANGSHALLE gezeigt wird, muß wie in der klassischen Skulptur die Form einerseits zuspitzen auf den dramatischen Moment, andererseits offen sein für die gedanklichen Ansätze des Betrachters.Die minimale Ausdehnung der gefrorenen Zeit einer statischen Skulptur, das daraus entstehende kleine Spiel, trifft sich mit der beschleunigten Dynamik der Betrachter selbst.Dabei platzt das Rätselhafte in den Alltag der Fahrgäste, die zu den Bildern eigene Geschichten entwickeln sollen; manchmal passiert das mit einer kriminalistischen Vehemenz, die schon zum Besuch von Polizeistreifen führte.Denn die uneindeutigen, aber zugespitzten Inhalte der verschiedenen Szenen lassen schon mal scheinbar leblose Körper an der Rampe liegen oder Vermummte mit waffenähnlichen Gegenständen hantieren. Der ironische Aspekt spielt nicht nur bei solchen Aneignungen imaginärer Filmmotive eine Rolle.Zusammen mit anderen Arbeiten gehören die DREI-SEKUNDEN zum Projekt PLAY, das spielerische Eingriffe in den öffentlichen Raum, interaktiven Einbezug des Publikums realisiert.Aus der spontanen Idee hat sich ein mit Video dokumentiertes vielfältiges Werk entwickelt, dass zu angekündigten Zeiten aufgeführt wird.Jochen Meister

[gei hi:n ho:l]

Projekt im öffentlichen Raum, 2005
Ortstermine, Kulturreferat München

die stadt steckt voller botschaften. am offenkundigsten dort, wo bedürfnisse geweckt werden sollen: etwas zu haben, zu bekommen oder zu erleben. auf so genannten mega-werbeflächen werden diese botschaften mit dem nötigen appeal an frau und mann gebracht. empfangshalle verknüpft wunsch und werbung und bringt mega-plakate aus aller welt nach münchen, um sie an werbeflächen zu präsentieren. unter zwei bedingungen: das produkt oder die leistung, für die geworben wird, ist hier nicht zu bekommen. und zweitens: selbst das entziffern der botschaft ist für die meisten hier nicht möglich, denn worte sind in fremden schriften abgefasst. die ausgewählte werbung entzieht sich unserem verstehen. arabische schriftzüge, chinesische zeichen, thailändische buchstaben erwecken jedoch die verschiedensten assoziationen – positive wie negative. eine eigene sprache spricht die bildliche gestaltung. die kommerziellen motive können sich in ästhetische kompositionen verwandeln, die rein künstlerische ansprüche erfüllen. der transfer wird zur transformation: mit ihm verliert die werbung ihre funktion. zugleich fällt ein streiflicht auf das fremde.

Brot und Butter

Augsburg 2004
Städtische Galerie im Höhmannhaus

Für die Dauer der Ausstellung ließen die Künstler die bronzene Brunnenfigur vom Merkur – Brunnen (1599) des Adrian de Vries entfernen. In der nahegelegenen Galerie im Höhmannhaus wurde die Figur wieder aufgestellt. Ein Tisch und drei Stühle wurden durch ein Podest so erhöht, dass die Besucher mit Merkur am Tisch Platz nehmen konnten. Dort konnte eine Brotzeit abgehalten werden, bei der jeweils ein bis zwei Besucher, die Aufsicht und Merkur teilnahmen. Der Aufseher reichte Brot und Butter..Bei ‚Brot und Butter‘ steht die soziale Situation im Vordergrund. Die für Augsburg zentrale Symbolfigur des Merkur wurde aus ihrer öffentlichen Position entnommen, und in eine neue, ‚persönliche Öffentlichkeit‘ integriert – in ein lebendes Bild, in dem sich Besucher, Museumsmitarbeiter und Merkur zu einer komplexen, lebenden Skulptur auf Zeit verbanden.Thomas Elsen

Beauty and the beast

Art on Site, Kaliningrad, Moskau, 2009
Bernsteinbild, entstanden mit einem öffentlichen Fotoshooting vor dem Dom Sowjeto, 230cm x 133cm

Interview von Irina Chesnokova mit den Künstlern Corbinian Böhm und Michael Gruber:
Wie hat sich Ihre Projektarbeit gestaltet?
Unsere Projektarbeit erinnerte an das Sammeln eben jenes Bernsteinmosaiks: zu jedem einzelnen Stück Bernstein das nächste, dazu passende Stück zu suchen. Genauso haben wir unsere Eindrücke gesammelt und uns bemüht, aus ihnen ein ganzes Bild zusammen zu setzen. Uns war schnell klar, dass das Bild vom Haus der Räte für uns wichtig ist und der Ort, an dem es gebaut wurde, den ehemaligen Schlossplatz von Königsberg. Es ist ein echtes Symbol dieser Geschichte: Niemand wohnt darin, aber es existiert, und die Stadt und ihre Einwohner müssen darüber nachdenken, was sie mit ihm machen und wie sie mit ihm leben sollen.
Ist das Thema Geschichte Ihrer Meinung nach das Wichtigste in Kaliningrad?
Geschichte ist bis jetzt noch eine offene Wunde für Kaliningrad. Der Krieg und die Jahre danach leben bis heute im Gewebe der Stadt weiter. Es scheint, als ob die Menschen sich bis jetzt noch nicht mit der Stadt identifizieren konnten. Hier sind so viele historische Schichten miteinander vermischt. Erstens ist da das alte Königsberg, dessen Bild für die Einwohner sehr wichtig ist. Die russische Bevölkerung fühlt sich zu den alten Königsberger Wurzeln hingezogen. Zweitens findet man die sowjetische Epoche, während der die Reste der Altstadt zerstört und eine neue Stadt gebaut wurden. Die dritte Schicht ist die der Gegenwart mit dem Streben nach dem Neuen, mit der Werbung, mit ihrer Leuchtkraft und Dynamik. Und wir haben uns gefragt: Was könnte wohl das Symbol eines modernen Königsbergs sein? Wenn wir zur Erinnerung eine Postkarte aus Kaliningrad gekauft hätten, was wäre dann wohl darauf abgebildet gewesen? Wir beschlossen, unser ganz persönliches Kaliningrader Souvenir herzustellen. Aus seiner Geschichte haben wir den Bernstein genommen, aus der sowjetischen Vergangenheit das Haus der Räte, und die Frage nach der Gegenwart haben wir den Kaliningradern selbst gestellt.

Hausordnung

Lenbachhaus München, Petulapark, 2005
Video, (25 min, Loop)
Abzuspielen auf einem hochkant gedrehten Monitor

Das Video zeigt ein ruhiges, ein meditatives Bild: Ein urbanes Hochhaus, ein filmisch-architektonischer Monolith. Nur die in den Fenstern gespiegelten vorbeiziehenden Wolken machen deutlich, dass es sich hier um eine Videoarbeit handelt. Man hört ein fernes Rauschen: den Stadtverkehr. Empfangshalle scheint sich in dieser neuen Arbeit überraschenderweise auf die skulpurale Erscheinung von Architektur zu konzentrieren und ihr meist so präzise formuliertes soziales Interesse zu vergessen.Doch plötzlich hört und sieht man jemanden rufen. In einen Moment treten die Bewohner des Hauses auf ihre Balkone und öffnen ihre Fenster um mit großer zorniger Emphase ihre Hausordnung auf die Strasse zu brüllen. Danach verebbt der Lärm, die Bewohner verschwinden, der Gebäudemonolith ist wieder als unnahbare skulpurale Form zu sehen. Ein zugleich surreales und politisches „Stück“ und zugleich Metapher für Anonymität, Ordnung und Stadtraum.

Bitte melde dich…

New York, Brooklyn Bridge, 2001

Der Blick auf die Skyline lädt ungezählte Paare zum Erinnerungsfoto ein. Empfangshalle bat um ein Foto mit einem der Partner, das vom anderen aufgenommen werden musste. Und zwar mit dem Fotoapparat des Paares. Die entwickelte Aufnahme sollte später an Empfangshalle geschickt werden. Bitte melde dich…Die Infrastruktur, die Empfangshalle nutzt, liegt zwischen Intimität und Öffentlichkeit.Ein Liebespaar stellt sich in den öffentlichen Raum eines touristischen Erinnerungsfotos. Eigentlich bliebe dies trotz der Öffentlichkeit eine private Angelegenheit, wenn nicht Empfangshalle andocken würde. Sie rahmt einen der Partner und stülpt sich über jenes Gefühlsfeld, dass durch eine Mischung aus Zuneigung (Liebster, Liebste), Stolz und Eitelkeit (we were here!) entsteht. Fast wie in der richtigen Talkshow.

Willkommen in Leipzig

Leipzig, 2005
Beleuchtete Leuchtschrift

„Der Brühl“, ein Stadtteil der Leipziger Innenstadt wurde nach starker Zerstörung im 2. Weltkrieg zwischen 1966 und 1968 im Sinne der sozialistischen Erneuerung wieder aufgebaut.Dabei entstanden unter anderem drei zueinander parallele, zehngeschossige Plattenbauten, die ein beliebtes Hintergrundmotiv für Fernsehansprachen von SED-Politikern waren. Ein stolzes Symbol für eine neue Zeit und für die Zukunftsfähigkeit der noch relativ jungen, aufstrebenden Deutschen Demokratischen Republik.Auf dem Dach eines der Häuser begrüßte die Stadt auswärtige Besucher mit dem in Leuchtbuchstaben gefassten, weithin sichtbaren Schriftzug „Willkommen in Leipzig!“.Seit der Wende verfielen die Gebäude zusehends. Der Schriftzug leuchtete nicht mehr, die Farbe blätterte ab und die Neonröhren waren zum größten Teil zerbrochen.
2005 ließ EMPFANGSHALLE mit Hilfe eines Zehn-Kilowatt-Scheinwerfers den Schriftzug noch ein Mal für eine Nacht aufleuchten. Das Foto des strahlenden Grußes in Form einer überdimensionierten Postkarte ist ein letztes „Souvenir“.Ende 2007 wurden die Wohnhäuser am Brühl abgerissen.

Paradiso

Diözesanmuseum Freising, 2009
Installation zum Hoachaltarbild „Himmelfahrt Mariens“, 26 Plastikstühle, stapelbar, Metallring mit dem Durchmesser von 5,30m

Im Rahmen der Ausstellung „Paradies – Neue Blicke auf einen alten Traum“ im Diözesanmuseum Freising hängte das Künstlerduo Empfangshalle einen frei schwebenden Kreis aus italienischen Plastikstühlen vor das ehemalige Hochaltarbild des Freisinger Doms (Himmelfahrt Mariens von Ludwig Löfftz, 1886). Der Kreis korrespondiert farblich und formal mit dem Gemälde und verweist auf Ewigkeit und Transzendenz.

Golden Gate

Gangway im Schulzentrum Fürstenfeldbruck, 2009
Begehbare Skulptur in Form einer Gangway, Kunst am Bau Projekt

Im Zugangsbereich des Schulzentrums steht eine Gangway, Höhe 4,50m. Der silberne Glanz und die goldene Zeichnung der Treppe lassen sie als ein mysteriöses Artefakt erscheinen. Eine Gangway als Bild für Aufbruch und Übergang: abheben und fliegen.Sie ist Symbol für den schulischen Weg. Stufe für Stufe wird erklommen, bis am Ende die Plattform erreicht ist, so wie Klasse für Klasse absolviert wird bis zum Abschluss. Der letzte Schritt auf festem Boden. Wie es weitergeht, ist die Entscheidung jedes Einzelnen. Die „Golden Gate“ ist das Tor ins Erwachsensein. Das Bild ist einfach und klar: Es steht für die eigene Freiheit. Jeder Schüler strebt in die Eigenbestimmtheit. Oben dann ist er auf sich selbst gestellt, wie er dort ankommt, was er mitnimmt, wird seinen Weg prägen. Auf der Treppe sitzend und sinnierend mögen der einen oder dem anderen diese Gedanken kommen. Die „Golden Gate“ wird zum Treffpunkt der Schüler. Sie ist Arena und gleichzeitig Skulptur.Die bildhafte Mobilität vermittelt Leichtigkeit. Sie ist ein lebendiges Bild für den Werdegang der Schüler. Man steht dort exponiert; wie ein Flugreisender, der im Moment des Einstiegs um sich blickt und noch einmal winkt. Von unten wie von oben wird sie ihr Bild vermitteln auf eine belebte und sympathische Weise. Die Skulptur mit dem Titel „Golden Gate“ wird zu einem Ort der Kommunikation für Schüler und Lehrer, ein Zeichen für die Schule, ein Sinnbild für Freiheit, Aufbruch, Zukunft.

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Artcircolo, Literaturhaus München, 2000
Lesungen für ein schwebendes Publikum

Ein vierachsiger roter Autokran hebt einen Ring, auf dem 32 grüne Sitzschalen montiert sind, an Stahltrossen in die Höhe. Doch schon nach einigen Zentimetern stoppt die Aufwärtsbewegung, und in dieser Position soll das Publikum auf den Sitzschalen Platz nehmen und damit den Ring ins Pendeln, ins Drehen, in Bewegung bringen. Über zwei rollbare Leitern, Flughafen-Gangways sehr ähnlich, kann man den inneren Rund betreten und sich auf einen Platz schwingen. Zudem steht ein Stapel einzelner Sitze bereit, von dem sich das Publikum bedienen darf und selbst einen Platz am festen Boden wählen kann. Auch Verzicht auf Bewegung ist möglich.“Laden und Löschen“ hat Empfangshalle ihr komplexes Werk genannt. Es funktioniert nur mit uns, mit dem Publikum. In dem Moment, in dem wir den Ring besteigen, um Platz zu nehmen, beginnt der Vorgang des Ladens. Das ist tatsächlich ein Beladen des Kunstwerks mit der Last unseres Körpers und ist zugleich Metapher: Wir laden den Ring mit persönlicher Energie, wir laden das Werk durch unsere Teilhabe mit Bedeutung auf. Durch unsere Ladung passiert etwas mit dem Werk. Die Richtung der Bewegung ändert sich nämlich, je nachdem, ob wir ganz stillsitzen, schaukeln, mit Anderen kommunizieren.Ebenso mehrdeutig ist der Begriff des Löschens: er bezeichnet das Entladen beispielsweise eines Schiffes; hier ist es das materielle Entladen des Kunstwerks im Moment, in dem wir es verlassen. Gleichzeitig löschen wir unseren Einfluss auf das Werk, hinterlassen keine Spuren, sondern überlassen unseren Platz dem Nächsten. Der temporäre Aspekt der Arbeit wird durch dieses Begriffspaar „Laden und Löschen“ sehr deutlich.Temporär ist auch die Aufstellung des Werks: zu bestimmten, angekündigten Zeiten findet „Laden und Löschen“ statt. Nicht ständig verfügbar, gleicht es einem zelebrierten Ritual, allerdings ohne Zeremonienmeister und mit einem eher zufälligen Publikum. Die nicht alltägliche Wiederkehr des Ereignisses wird zu einer Art Kunst-Epiphanie für den kommunikativen Akt, den das Platz nehmen darstellt. Diesen Eindruck unterstützt sowohl die schwebende Situation des Ringes, der quasi über Gangway-Stufen betreten wird, als auch seine Form selbst: Der Kreis ist prädestiniert für rituelle Ereignisse, ist die Tafelrunde, der Runde Tisch etc.. Doch entgegen der hehren Ansprüche ist er hier auch Schaukel, die zum mit- oder gegeneinander Schwingen einlädt.Empfangshalle führen hier bestimmte Überlegungen weiter, die in ihren bisherigen Arbeiten auf verschiedene Arten auftauchten. So ist ein zentraler Aspekt der Umgang mit dem Publikum. Das Nehmen des Publikums, sozusagen ein Ködern mit der Spaß-Schaukel, um es dann unversehens und ganz freiwillig zum Teil eines skulpturalen Bildes werden zu lassen, ist ein langfristiges Konzept von Empfangshalle. Der Spaß wird zu einem Katalysator für das Eigentliche, die Skulptur. Dazu verbinden sich im Falle von „Laden und Löschen“ der Kran, die Sitze im Kreis und eben das Publikum. Die Skulptur bekommt den schweren Kran gewissermaßen als Sockel für eine ganz leichte, einfache, ja filigrane Struktur, die wiederum den Platz (an dessen kommunikativen Aspekt das Thema der Ausstellungsreihe „Piazza“ erinneren soll), dessen Fläche und Raum geradezu harmonisch ausfüllt. Vielleicht läßt sich beim „Laden und Löschen“ ja auch eine Harmonie im Zusammenkommen und Schwingen des Publikums herstellen. Wie schwer das ist, läßt sich ausprobieren.
Jochen Meister