Künstlerische Neukonzeption – St. Laurentius

Zeitgenössische Kunst trifft Forschung, Mühldorf am Inn  2019

Lichtkunst, Altar, Ambo, Tabernakel und Retabel

Am Sonntag den 5. Mai 2019 weihte Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising den neuen Altar.

Die gotische Pfarrkirche St. Laurentius in Altmühldorf erstrahlt dank eines hochmodernen, künstlerischen Gesamtkonzepts vom Künstlerduo Empfangshalle in gänzlich neuem Licht.

In Kooperation haben das Künstlerduo Empfangshalle und das Studio Tessin im Chor von St. Laurentius etwas völlig Neues erschaffen: Modernste 3D-Druck-Technik lässt eine ästhetisch faszinierende Retabel-Skulptur förmlich in den Himmel wachsen.

Die Gesamtrenovierung ihrer Kirche veranlasste die Pfarrei St. Laurentius gemeinsam mit dem Erzbischöflichen Ordinariat dazu, eine grundlegende künstlerische und liturgische Neugestaltung des Sakralraums anzugehen. Aus einem durch die Jahrhunderte gewachsenen Bestand unterschiedlicher Stile sollte wieder ein Kirchenraum aus einem Guss entstehen. Für diese anspruchsvolle Aufgabe entwickelte das Künstlerduo Empfangshalle ein Gesamtkonzept.

Das gleichermaßen aufwendige wie innovative künstlerische und architektonische Konzept hätte ohne die beachtliche finanzielle Unterstützung des Vereins Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V. und dem großzügigen Entgegenkommen der FIT AG nicht realisiert werden können.

Lichtinstallation ©Empfangshalle

Künstlerisches Konzept
Neben einer neuen räumlichen Ordnung der Quer- und Längsachse des Kirchenschiffes stand dabei die Neugestaltung der liturgischen Objekte im Vordergrund. Optisch und ästhetisch zusammengehalten werden diese Objekte durch das Glanzlicht der Neukonzeption, nämlich das Retabel – eine 8 m hohe, in Gold erstrahlende filigrane Gitterskulptur, die den Abschluss des Chorraumes bildet. Die Grundidee der Künstler für das Retabel ist dabei zukunftsweisend: Modernste Fertigungstechniken sollten als Brückenschlag fungieren zur spätgotischen und barocken Bestandsarchitektur. Denn über Jahrhunderte hinweg waren es die Kirchen, als Träger des kulturellen Erbes, die neueste Entwicklungen in der Baukunst aufgegriffen und befördert hatten. In diesem Sinne sollte etwas hinzugefügt werden, das unserer heutigen Zeit entstammt und für Neuanfang und Aufbruch steht.

Empfangshalle entwickelte die Vorstellung von einer halbtransparenten, in Gold erstrahlenden Skulptur, deren Form und Höhe sich möglichst natürlich in das Chorgewölbe integrieren lassen sollten. Mit dem Architekten Oliver Tessin fanden sie sich daraufhin zu einer Kooperation zusammen, um gemeinsam am Retabel zu arbeiten, bei dem sich ein künstlerischer und ein architektonischer Konzeptteil ideal ergänzen.

Architektur – und Struktur Konzept
Der Architekt Oliver Tessin entwickelt seit Jahren computer-basierte zellularartige Strukturkonzepte. So entstand eine ideale Zusammenarbeit zur gemeinsamen Entwicklung des Retabels für dessen anschließende Entwurfs- und Ausführungsplanung sich Oliver Tessin verantwortlich zeichnet. Dabei adaptiert er durch den fundierten Einsatz neuester Technologien Formfindungsprozesse aus der Natur, was zur Pfarrkirche einen ganz besonderen Bezug schafft, denn die Orientierung an den Prinzipien der Natur war schon in der Gotik philosophische Grundlage der Architektur. Im Fall des neuen Retabels standen die Prinzipien der optimalen Gewichtsverteilung bei minimalem Materialeinsatz Pate bei der Gestaltung. Es ist deshalb dort weniger dicht, wo die Gewichtsbelastung geringer ist, sodass sie ihre wesenseigenen, statischen Gesetzmäßigkeiten in ihrer zellularartigen Gitterstruktur selbst offenbart. Nach dem Ansatz von Oliver Tessin werden visuelle und konstruktive Ästhetik in der weltweit ersten Skulptur dieser Art untrennbar zu einer Einheit verbunden, in der sich computerbasierte Formfindung und Fertigungstechnik wechselseitig bedingen.

3 D Druck
Mit der Firma FIT AG aus Lupburg konnte ein führender Experte in der Additiven Fertigung (3D-Druck) für das Projekt gewonnen werden, deren Aufgabe, unter Leitung von Bruno Knychalla, die technischen Entwicklung und Herstellung der Skulptur war. In Absprache mit Studio Tessin und Empfangshalle konnte so eine zukunftsweisende Technologiekombination individuell entwickelt und realisiert werden: Das Retabel besteht aus 60 individuell geformten Einzelteilen, die aus weißem Polyamid-Kunststoff gedruckt und zusammengefügt wurden. Anschließend wurden sie mittels eines thermischen Spritzverfahrens zuerst mit Aluminium und danach mit einer Bronze-Aluminium-Legierung beschichtet, woraus eine hohe Stabilität und die golden schimmernde Oberfläche resultieren.

Durch die Verbindung von Kunst, architektonischer Forschung und modernster Fertigung entsteht eine Qualität, die den zukunftsorientierten Geist der Pfarrgemeinde reflektiert und so einen einzigartigen Mehrwert für die Zukunft der Pfarrkirche St. Laurentius schafft.

Tabernakel im Seitenschiff ©EOM/Achim Bunz

Raumkonzept
Die hinter dem Altar hoch aufragende, Metallskulptur bildet das imposante Zentrum der künstlerischen Neukonzeption des Kircheninneren, da sie die Aufmerksamkeit zwar einerseits auf das von der Decke herab hängende, barocke Kruzifix lenkt, doch sie andererseits mit ihrer individuellen Formensprache auch für sich selbst beansprucht.

Ganz im Sinne der barocken Idee eines Theatrum sacrum wird das natürliche Licht der Chorfenster von der goldenen Hightech-Oberfläche reflektiert und in das Kirchenschiff geworfen.

  • Die Auflage des Ambos und der Tabernakelschrein wurden von den Künstlern mit einer eigenen, modernen Formensprache konzipiert, die jedoch auch mit der netzartigen Struktur des Retabels korrespondiert. Feinmaschiges Metallgewebe ist hier jeweils zu einem facettierten Relief gefaltet, in Bronze abgegossen und vergoldet. Die daraus rührende Oberflächentextur ist plastisch prägnant und doch stofflich weich. Konstruktives und Organisches finden auch hier zu einer harmonischen Einheit und stehen im Dienst einer sich auf das Wesentliche reduzierenden, zeitgenössischen Ästhetik, die für eine stetige Erneuerung und Öffnung der Kirche vor dem Hintergrund ihrer Traditionen steht.
    Die spirituelle Bedeutung des Lichts, die im Kircheninneren sowohl durch die Retabel-Skulptur als auch durch die liturgischen Objekte akzentuiert wird, wird in einem zweiten Schritt auch nach außen getragen, denn einen weiteren Teil des ganzheitlichen künstlerischen Konzepts stellen die Ampel mit dem Ewigen Licht über dem frei stehenden Tabernakel und die indirekte Lichtinstallation im angrenzenden Fenster dar. Sie symbolisiert die ständige Realpräsenz Gottes im Tabernakel und strahlt diese, dank der exponierten Lage der Kirche, weithin sichtbar in die Gemeinde.
    Das Raumkonzept ist also nicht nur Mittler zwischen neuester Forschung sowie Technologie und historischen Stilepochen der Architektur, sondern es bedient sich neben einer zukunftsweisenden Formensprache auch einer tradierten Symbolsprache der emotionalen Ergriffenheit und vermittelt diese glaubwürdig und mit einem zeitgenössischen künstlerischen Anspruch nach innen und außen.

Autor: Markus Ostermair

Pressefotos von dem neu gestalteten Kirchenraum stehen zum Download zur Verfügung unter www.erzbistum-muenchen.de/presse oder Sie wenden sich an uns. empfang@empfangshalle.de