Laden und löschen

Artcircolo, Literaturhaus München, 2000
Lesungen für ein schwebendes Publikum

Ein vierachsiger roter Autokran hebt einen Ring, auf dem 32 grüne Sitzschalen montiert sind, an Stahltrossen in die Höhe. Doch schon nach einigen Zentimetern stoppt die Aufwärtsbewegung, und in dieser Position soll das Publikum auf den Sitzschalen Platz nehmen und damit den Ring ins Pendeln, ins Drehen, in Bewegung bringen. Über zwei rollbare Leitern, Flughafen-Gangways sehr ähnlich, kann man den inneren Rund betreten und sich auf einen Platz schwingen. Zudem steht ein Stapel einzelner Sitze bereit, von dem sich das Publikum bedienen darf und selbst einen Platz am festen Boden wählen kann. Auch Verzicht auf Bewegung ist möglich.“Laden und Löschen“ hat Empfangshalle ihr komplexes Werk genannt. Es funktioniert nur mit uns, mit dem Publikum. In dem Moment, in dem wir den Ring besteigen, um Platz zu nehmen, beginnt der Vorgang des Ladens. Das ist tatsächlich ein Beladen des Kunstwerks mit der Last unseres Körpers und ist zugleich Metapher: Wir laden den Ring mit persönlicher Energie, wir laden das Werk durch unsere Teilhabe mit Bedeutung auf. Durch unsere Ladung passiert etwas mit dem Werk. Die Richtung der Bewegung ändert sich nämlich, je nachdem, ob wir ganz stillsitzen, schaukeln, mit Anderen kommunizieren.Ebenso mehrdeutig ist der Begriff des Löschens: er bezeichnet das Entladen beispielsweise eines Schiffes; hier ist es das materielle Entladen des Kunstwerks im Moment, in dem wir es verlassen. Gleichzeitig löschen wir unseren Einfluss auf das Werk, hinterlassen keine Spuren, sondern überlassen unseren Platz dem Nächsten. Der temporäre Aspekt der Arbeit wird durch dieses Begriffspaar „Laden und Löschen“ sehr deutlich.Temporär ist auch die Aufstellung des Werks: zu bestimmten, angekündigten Zeiten findet „Laden und Löschen“ statt. Nicht ständig verfügbar, gleicht es einem zelebrierten Ritual, allerdings ohne Zeremonienmeister und mit einem eher zufälligen Publikum. Die nicht alltägliche Wiederkehr des Ereignisses wird zu einer Art Kunst-Epiphanie für den kommunikativen Akt, den das Platz nehmen darstellt. Diesen Eindruck unterstützt sowohl die schwebende Situation des Ringes, der quasi über Gangway-Stufen betreten wird, als auch seine Form selbst: Der Kreis ist prädestiniert für rituelle Ereignisse, ist die Tafelrunde, der Runde Tisch etc.. Doch entgegen der hehren Ansprüche ist er hier auch Schaukel, die zum mit- oder gegeneinander Schwingen einlädt.Empfangshalle führen hier bestimmte Überlegungen weiter, die in ihren bisherigen Arbeiten auf verschiedene Arten auftauchten. So ist ein zentraler Aspekt der Umgang mit dem Publikum. Das Nehmen des Publikums, sozusagen ein Ködern mit der Spaß-Schaukel, um es dann unversehens und ganz freiwillig zum Teil eines skulpturalen Bildes werden zu lassen, ist ein langfristiges Konzept von Empfangshalle. Der Spaß wird zu einem Katalysator für das Eigentliche, die Skulptur. Dazu verbinden sich im Falle von „Laden und Löschen“ der Kran, die Sitze im Kreis und eben das Publikum. Die Skulptur bekommt den schweren Kran gewissermaßen als Sockel für eine ganz leichte, einfache, ja filigrane Struktur, die wiederum den Platz (an dessen kommunikativen Aspekt das Thema der Ausstellungsreihe „Piazza“ erinneren soll), dessen Fläche und Raum geradezu harmonisch ausfüllt. Vielleicht läßt sich beim „Laden und Löschen“ ja auch eine Harmonie im Zusammenkommen und Schwingen des Publikums herstellen. Wie schwer das ist, läßt sich ausprobieren.
Jochen Meister